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Ausschnitt aus den Buch:

Der Hotzenwald,

Natur und Kultur einer Landschaft im Südschwarzwald

Erschienen: im Sommer 2003

ISBN 3-935737-44-0

Hotzenwälder Familiennamen

Herkunfts- und Wohnstättennamen

Nach diesem Überblick über die Ortsnamen sei ein Blick auf entsprechende Hotzenwälder Familiennamen gestattet. Die südwestdeutschen Familiennamen sind etwa im 12.-14. Jahrhundert entstanden. Eine Möglichkeit, Familiennamen zu bilden, bestand darin, dass man von auswärts zugewanderte Personen nach ihrem Herkunftsort benannt hat: Basler, Freiburger, Würzburger usw. Man nennt diesen Typ von Familiennamen „Herkunftsnamen". Anhand von Telefonanschlüssen (s. dazu Kunze 2000, S. 198-207) habe ich nun die heutige Verbreitung einiger eindeutiger Hotzenwälder Herkunftsnamen überprüft, allerdings nur in Deutschland, nicht auch in der Schweiz oder im Elsass.

Wenn jemand Schlageter heißt, muss sein Urahn vor 600 - 800 Jahren aus Schlageten ausgewandert sein. Heute gibt es in Deutschland 467 Telefonanschlüsse Schlageter, woraus man ca. 1300 Träger dieses Namens errechnen kann. Karte 10 zeigt, dass sie sich fast alle im äußersten Südwestdeutschland konzentrieren, nur wenige hat es bis Hamburg oder Dortmund verschlagen. Die Aussiedlungsbahnen lassen sich aus dem Kartenbild in groben Zügen rekonstruieren (Karte 11): zunächst in die Städte am Hochrhein, dann ins Wiesetal, weiter nach Freiburg, dann in die 1715 gegründete Hauptstadt Karlsruhe. Letztendlich aus Strittmatt beziehen ca. 2000 Strittmatter (737 Telefonanschlüsse) ihren Namen (Karte 11). Bei ihnen ergibt sich in den Grundlinien dasselbe Verbreitungsbild wie bei den Schlageters. Die ca. 470 Rotzinger (170 Telef.) sind dagegen fast nur in Albbruck, Todtnau und Freiburg hängen geblieben, während sich die ca. 390 Hottinger (140 Telef.) vor allem um Bad Säckingen niederließen. Sie haben allerdings auch ein großes „Nest" um Pforzheim herum gebildet. Die ca. 540 Hierholzer (195 Telef.) aber finden sich vorwiegend im Wiesetal .

Wohnstättennamen

Ein anderer Familiennamen-Typ entstand daraus, dass man die Personen nach der Stätte, an der sie wohnten, zu benannt hat: Der am Bächle Wohnende war der Bächle(r) , der an der im Schatten liegenden und daher spät abtauenden Winterhalde eines Tales Wohnende der Winterhalder, der an der die Sonne spiegelnden Spiegelhalde der Spiegelhalder, und da der hiesige Dialekt d und t nicht unterscheidet, werden sie meist falsch Winterhalter und Spiegelhalter geschrieben. Man nennt diesen Typ von Familiennamen „Wohnstättennamen". Hier kann nur ein Beispiel für einen typisch hotzenwälderischen Wohnstättennamen angeführt werden. Die Bezeichnung Wasen für eine Grasfläche ist in ganz Süddeutschland anzutreffen, vgl. den Cannstatter Wasen oder den Stübenwasen am Feldberg. Das Wort steckt auch in den Ortsnamen Unter-/ Oberweschnegg (Wasenegge 1266 grasbedeckter Bergrücken). Aber dass Personen, welche auf / an einem solchen Wasen wohnen, nicht Was(s) (e) ner, sondern Was(s) mer mit -m- genannt wurden, ist eine südalemannische, vor allem im Hotzenwald beheimatete Besonderheit.

Familiennamen in Ortsnamen

Umgekehrt schlagen sich auch typisch hotzenwäldische Familiennamen in Ortsnamen nieder. Die Verbreitung des Familiennamens Mutter / Mutterer mit ca. 2900 Namenträgern (Mutter 906, Mutterer 131 Telef.) ist weitgehend auf dieses Gebiet konzentriert (Karte 14). Er leitet sich von einem alten Hohlmaß her, dem Mutt, mit dem man im südalemannischen Raum im Mittelalter das Getreide gemessen hat (KLEIBER 1979, Karte 5). Der Mutter(er) war derjenige, der solche Maße herstellte, benutzte oder eichte. Aus diesem Beruf entstand dann der Familienname Mutter(er), und aus dem Familiennamen der Ortsname Mutterslehen (des Muters len 1373 das dem Mutter verliehene Land').

Düstere und freundliche Namen, Häusernamen

Johann Peter Hebel veröffentlichte 1803 in seinen - damals noch mit -ll- geschriebenen - ,Allemannischen Gedichten` auch das bekannte Gedicht „Der Schwarzwälder im Breisgau". Genau genommen scheint dieser Schwarzwälder ein Hotzenwälder zu sein; jedenfalls hängt er sehr an Herrischried. Er kommt aus dem Wald heraus nach Müllheim und ist von dieser Stadt ganz hingerissen:

Z'Müllen an der Post, tausigsappermost!
Trinkt me nit e guete Wi!
Goht er nit wie Baumöl i,
z'Müllen an der Post!

Ähnliche Eindrücke erlebt er in „Bürglen uf der Höh", „Z'Staufen uffem Märt" und „Z'Friburg in der Stadt". Am Schluss aber vermisst er doch etwas und bekennt:

Minen Auge gfallt
Herrischried im Wald.
Woni gang, se denki dra ...

Das wird oft missverstanden; man meint, Herrischried gefalle ihm, weil es im schönen Hotzenwald liegt. Aber vor zweihundert Jahren empfand man den Hotzenwald noch alles andere als schön. Man fand ihn furchtbar, und viele Namen legen Zeugnis ab von dieser Einschätzung. Sie künden von Kargheit und Armut wie der Name Prestenberg, worin wohl das Wort Gebresten Mangel` steckt; sie künden von düsteren Sümpfen wie Langmoss, Todtmoos, Fohrenmoos, von Einsamkeit und Tod wie Ödland oder Kaibenloch, Kaibenhalde, Kaibenbuck, Kaibenrain, Kaibenmoos, Kaibenacker, alles Orte, wo die Kaiben, d.h. die Kadaver verendeter Tiere verscharrt wurden, Totenbach und Todtenbühl, letzteres oft der Bestattungsort von Pest- oder Kriegsopfern, vgl. entsprechende Sagen von den Totenbühlen bei Oberhof und bei Görwihl (Künzig 1965, S. 307); sie künden von Enge und Angst wie die vielen Namen mit Dobel (,Waldschlucht`; Herkunft unklar, vielleicht von einem keltischen Wort in der Bedeutung ,eng, dunkel'), Zipfel, Winkeloder Loch oder die vielen Höllen, vom Ortsnamen Höll bei Urberg bis zum Höllenbächle und den Hölläckern (Langenbeck 1964, S. 205); sie künden von Düsternis und Dunkelheit wie Finsterbach und Finsterlingen, das vor 1593 noch Vinsterlo (1281) und Vinsterloch (1317; dunkler Wald`) geheißen hat.

Dem Schwarzwälder in Johann Peter Hebels Gedicht gefiel also vor zweihundert Jahren Herrischried nicht deswegen, weil, sondern obwohl es im Hotzenwald liegt. Er sagt es auch am Ende der oben zitierten Strophe ausdrücklich:

...Woni gang, se denki dra,
`s chunnt mer nitt uf d'Gegnig a
z'Herrischried im Wald.

Der Ort gefällt ihm lediglich deswegen, weil sein Schatz dort wohnt:

Imme chleine Huus
wandlet i und us
gelt, de meinsch, i sagder, wer?
S'isch e Sie, es isch kei Er,
ime chleine Huus.

So blieb es erst der neuesten Zeit vorbehalten, den finsteren Hotzenwald mit einer lichten und freundlichen Namenwelle zu überziehen, nämlich mit den einladenden und geruhsamen Häuser-, Ferienhäuschen-, Hotel- und Sanatoriumsnamen vom Typ Sonnenschein, Alpensicht, Waldeslust, Frohsinn, Waldesruh Lind Abendfrieden.

Autor: Prof. Dr. Konrad  Kunze

 

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