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Fünf Möglichkeiten führten zu allen Familiennamen

Der Freiburger Germanistikprofessor Konrad Kunze klärt in Bernau die Spannende Frage nach dem Ursprung der Nachnamen

Bernau (us) Einen vergnüglichen Abend erlebten die zahlreichen Zuhörer am Montag beim katholischen Bildungswerk im Pfarrheim, als Professor Dr. Konrad Kunze zum Thema "Unsere Familiennamen: Herkunft, Verbreitung und Bedeutung" referierte. Der Germanistikprofessor von der Uni Freiburg informierte zunächst, dass es bis vor 800 Jahren keine Familiennamen gegeben hat. Die entstanden erst mit dem Wachsen der Städte, um besser unterscheiden zu können. Um 1200 war Köln mit 30 000 Einwohnern die größte Stadt in Deutschland - und jeder dritte Bürger hieß Johannes. Bei der Einführung der Familiennamen bediente man sich fünf Möglichkeiten: der Unterscheidung nach dem Namen des Vaters, des Herkunfts- oder des Wohnorts, differenziert wurde auch nach dem Beruf oder nach Aussehen und Charakter. Aus diesen Eigenschaften entstanden die Familiennamen auf der ganzen Welt. Nur neun Länder kennen noch heute keine Nachnamen. In Europa trifft dies auf Island zu.
In Ägypten wurden die Nachnamen erst 1954 eingeführt, in Deutschland bildeten die Ostfriesen das Schlusslicht, die erst 1811 auf Druck von Napoleon Familiennamen schufen. Professor Kunze gab anschaulich, informativ, fundiert und mit erheiternden Kommentaren Beispiele zu den einzelnen Gruppen, wobei er insbesondere auf die in Bernau vorkommenden Namen einging. Über diese war er so gut informiert, dass er zuvor das Telefonbuch studiert zu haben schien. Familiennamen, abgeleitet vom Vaternamen, kommen hauptsächlich im Norden Europas vor: Peterson, Petersen und Jansson oder Jansen. Seltener ist der Name der Mutter ausschlaggebend, es sei denn, der Vater ist früh verstorben keine Seltenheit bei einer Lebenserwartung von damals 26 Jahren. So gibt es im deutschen Südwesten etwa den Namen Ketterer, abgeleitet von Katharina. Viele Namen kommen auch aus dem Germanischen mit dem Charakteristikum von zwei Silben. Hilpert etwa stammt vom germanischen Vornamen Hildebert, Volk hat den Volker zum Ursprung und Herr den Hermann. Der typisch alemannische Namen Hug kommt von Hugbert. Auch die Dialektgrenze spielt eine wesentliche Rolle, wobei der Referent das Schwäbische als eine "läppische Unterabteilung des Alemannischen" bezeichnete. Zu kurze Rufnamen, beispielsweise Hein von Heinrich, wurden zu Heine; der Ulrich wurde zum Ueli und letztlich zu Jehle, einem typischen Namen aus dem Südschwarzwald. Der Namen Immel hat den Immo zur Grundlage und Booz ist die Verkleinerung von Burkhard, Lutz von Ludwig, Denz von Degenhard, Dietsche von Dietrich, und Götz ist ein "kleiner Gottfried". Der Familienname Lais hat den Nikolaus aus der christlichen Literatur zum Ursprung, ebenso wie die Thomas den heiligen Thomas. Logisch erklärt sich die Ableitung von Familiennamen nach der Herkunft wie Schwarzwälder oder Elsässer oder nach dem Wohnplatz, wobei nördlich von Main und Mosel ein, -mann angehängt wurde wie Geldermann und Neckarmann. Im östlichen Deutschland ließ man alles weg und benannte sich nach dem Wohnplatz als Brück oder Bach. Ein Strittmatter hat um eine Matte gestritten - in Bayern hieße er Streitwieser.
An der Herkunft der Vorfahren orientieren sich Bayer, Schweizer, Schwab oder Beha, die aus Böhmen kamen. Die Behringers kamen aus Böhringen und die Biehlers aus Böhlers wohnten auf einem Bühl oder kamen aus Bühl, wie die Schlageters aus Schlageten. Die Vorfahren der Familie Spitz wohnten hinten im Tal, wo es spitz zugeht, Wasmers wohnten auf einem Wasen und die Klingeles in der Klinge, einem eingeschnittenen Dobel.
Am häufigsten sind die aus den Berufen hergeleiteten Familiennamen. Die Spitze bilden in Deutschland die Müllers, gefolgt von Schmidts, Schneiders, Fischers, Meyers, Webers, Schultzes, Wagners, Beckers, Hoffmanns, Schäfers, Bau(e)rs und Schröders. Ein Meyer war der größte Hofbesitzer, der die anderen beaufsichtigte, in anderen Landstrichen hieß diese Position Hofmann. Ein Schröder hat Stoff geschrotet, ist also
ein Schneider. Der Herr Albiez hat alte Sachen ausgebessert, er war ein Schuhflicker, der Sutter ein Schuster.
Und was tat der Nunnenmacher? Er hat Schweine kastriert, eine weibliche Sau heißt mitunter noch heute "Nunn". Das Erbgut unserer Vorfahren hat sich in einigen Beispielen über 800 Jahre hindurch gehalten. Professor Kunze berichtete, dass die Schmidts, die Schmiede waren, heute noch im Durchschnitt 2,6 Kilo mehr wiegen als die schmächtigen Schneiders und 0,7 Zentimeter größer sind als diese. Das mag auch daher kommen, dass die Zünfte jeweils. untereinander geheiratet haben.
Zu den von den Berufen her abgeleiteten Namen zählen auch die in Bernau vorkommenden Namen Bader, der zur Ader gelassen hat, Kiefer, der ein Küfer war, Sailers haben Seile hergestellt, Schelshorns waren Nachtwächter und haben ein Horn zum Schallen gebracht, Mutter und Mutterer kommt von dem Maß Mut, mit dem der Namensträger Getreide gemessen hat. Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Köpfers als in Bernau. Die haben niemanden geköpft, sondern Schröpfköpfe angesetzt, um jemanden zur Ader zu lassen, und sich unheimlich vermehrt. Der Name Kaiser mag daher kommen, in wessen Diensten die Bauern standen, oder auch als Rollenbeiname zu den damals häufig gespielten Theaterstücken, woher auch wahrscheinlich die Namen König, Papst und Teufel kommen.
Letztlich wurden Familiennamen nach körperlichen und charakteristischen Merkmalen eingeführt wie Klein, Groß, Kurz oder Lang, Schlegel und Stengel, nach der Haarfarbe wie Schwarz, Weiß und Fuchs für die Rothaarigen. Krauses hatten lockige Haare und die Schillers oder Scheels schielten. Die Finkbeiners hatten dünne Beine, die Tritschlers zogen die Mundwinkel immer nach unten.
Zu erfahren war schließlich auch, dass man seit 1901 seinen Familiennamen nicht mehr verändern kann. Es sei denn, es lägen schwerwiegende Gründe vor, und das hat dann seinen Preis.

Aus dem Albbote vom Dezember 1999

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