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Die Legende vom heiligmäßigen Bantle (Laube) 

Im September 1951 war der Verfasser dieser Zeilen mit Leuten aus Gurtweil in Maria-Einsiedeln. Als wir wieder heimfahren wollten, wurde ich von Frl. Frieda Schlosser gefragt, ob ich in der Kapelle bei den Weihegaben die Kette mit den Kugeln gesehen hätte. Ich verneinte, wünschte aber zu erfahren, was es damit für eine Bewandtnis habe. Da wurde mir später folgendes erzählt.

In ganz alten Zeiten habe in Gurtweil ein heiligmäßiger Mann gelebt mit Namen Bantle (Pantaleon). Von ihm werden merkwürdige Dinge erzählt. Wenn er auf dem Felde war, habe er sofort mit der Arbeit aufgehört, wenn die Glocken den Sonntag einläuteten, was allen Leuten auffiel. An einem Samstag habe er im Schlüchttal in der Nähe des Dorfes mit seinen Tieren auf dem Felde gearbeitet. Sein Feld sei von zwei Armen der Schlücht umflossen gewesen. Er habe angefangen, den Wagen mit Heu oder Öhmd zu laden, da habe jemand zu früherer Stunde als sonst gelautet. Bantle habe die Tiere ausgespannt, den halb geladenen Wagen stehen lassen und sei heimgegangen. Am folgenden Sonntagmorgen sei der Wagen vollgeladen im Dorfgestanden. Niemand wußte, wer ihn geladen und in der Nacht hinaufgeführt hatte.  

Damals sei Zürich vom katholischen Glauben abgefallen. Bantle sei nach Zürich, durch die Stadt gelaufen und gemahnt, man solle am alten Glauben festhalten. Die Leute hätten ihn zuerst ausgelacht und schließlich eingesperrt. Am nächsten Morgen sei er wieder mit den gleichen Mahnrufen in den Straßen erschienen. Dann habe man ihn im Gefängnis an einer Kette mit Kugeln festgebunden. Am folgenden Tag sei er mit der Kette und den Kugeln wieder erschienen, durch die Straßen zum See gegangen, und als man ihn fangen wollte, sei er über den See nach Einsiedeln gegangen und habe Kette und Kugeln der Gottesmutter geweiht, weswegen diese dort zu sehen seien. Er sei auch sonst oft barfuß von Gurtweil nach Einsiedeln gewallfahrtet. Nach seiner Beerdigung auf dem südlichen Teil des Gottesackers in Gurtweil habe man lange Zeit einen Wohlgeruch wie von Blumen wahrgenommen.

Was für eine geschichtliche Persönlichkeit dieser Legende Nahrung gegeben hat, ist schwer zu sagen. Irgend ein historischer Kern dürfte in der Erzählung wohl stecken, wenn sie auch manche Unklarheiten enthält. Der Name Bantle kommt nach 1700, wie die Kirchenbücher ausweisen, nicht vor, dagegen im 16. Jahrhundert, wo er in einigen Urkunden und Bereinen zu finden ist. Von Einsiedeln erhielt ich auf die Anfrage nach der Herkunft der dortigen Kette mit den Kugeln Bericht, daß man nichts Bestimmtes darüber wisse, lediglich, daß sie von Baden stammen sollen. Die Reformation wurde in Zurich zwischen 1520 und 1530 eingeführt. Damals war in Gurtweil noch keine Kirche und kein Friedhof, der erst um das Jahr 1610 entstand, als die Pfarrei errichtet wurde.  

Trotz dieser Unklarheiten in der Erklärung ihres Gehaltes soll diese Legende hier festgehalten sein, damit sie nicht verloren geht, nachdem sie sich von Mund zu Mund bis in unsere Tage fortgepflanzt hat.

aus: Geschichte eines Dorfes Gurtweil, von Leo Beringer

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